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Der Wiener Hof

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Walther von der Vogelweide: Der hof ze Wiene sprach ze mir (L 24,33)

Der hof ze Wiene sprach ze mir:
›Walther, ich solte lieben dir,
nû leide ich dir, daz müeze got erbarmen.
mîn wirde diu was wîlent grôz,
dô lebte niender mîn genôz
wan künec künic Artûses hof: sô wê mir armen!
Wâ nû ritter unde frowen,
die man bî mir solte schowen?
seht, wie jâmerlîch ich stê!
mîn dach ist fûl, sô rîsent mîne wende.
mich enminnet nieman leider.
golt, silber, ros und dar zuo kleider
die gap ich unde hât ouch mê:
nûn hab ich weder schappel noch gebende
noch frowen zeinem tanze, owê!‹

Übersetzung

Der Wiener Hof sprach zu mir:

„Walther, ich sollte dir gefallen,
nun misfalle ich dir, möge Gott dies erbarmen.
Früher stand ich in großer Ehre,
da lebte niemand meinesgleichen,
außer der Hof von König Artus.
Wehe mir Armem!
Wo sind nun die Ritter und Damen,
die man bei mir sehen sollte?
Seht her, wie jämmerlich ich dastehe.
Mein Dach ist morsch und meine Wände zerfallen.
Mich liebt leider niemand.
Gold, Silber, Ross und Kleider,
die schenkte ich und hatte noch mehr:
Nun habe ich weder Kränze noch Schmuckbänder
noch Damen für einen Tanz, oh weh!“

Morsches Dach und faule Wände

Der Wiener Hof spricht und beklagt, dass er nicht mehr so geliebt werde wie zuvor: „Walther ich sollte dir gefallen, nun bin ich dir leid“.

Die Personifikation gibt sich dabei in erster Linie durch ihre Sprachfähigkeit und ihr Wehklagen zu erkennen. So betrauert sie die glanzvolle Vergangenheit und spricht sich einen außergewöhnlichen Status zu, indem sie sich mit dem Hof von König Artus vergleicht. Der alte Glanz ist nun jedoch verblasst: „Mein Dach ist morsch und meine Wände reißen ein“, äußert die Personifikation. Der Hof scheint einerseits ein Gebäude zu sein, welches zerfällt, oder eine Institution von Rittern und Damen. Andererseits ist der Wiener Hof zugleich vermenschlicht, kann sprechen, Gold und Silber verteilen und mit den Damen tanzen.

Inhalt

Die Klage des personifizierten Wiener Hofs ist eine Scheltstrophe und eine von insgesamt 15 Strophen, die thematisch verhandeln, dass früher alles besser gewesen sei: So geht es in der dritten Strophe des Wiener Hoftons beispielsweise darum, wie schlecht die Welt dastehe, oder in der neunten Strophe um Väter, die ihre Kinder falsch erziehen. Es ist eine umfassende Zeit- und Sittenklage, in der der personifizierte Wiener Hof sich vor allem durch die Ansprache an ein Ich, das im Folgenden Walther genannt wird, von den anderen Strophen unterscheidet. Es wird gemeinhin angenommen, dass die Klage des Wiener Hofs realhistorische Ereignisse aufgreift, da Walther von der Vogelweide gezwungen war, diesen Hof nach dem Tod seines Gönners zu verlassen.

Und sonst?

Ganz schön raffiniert, wenn man eine Personifikation nutzt, um aktuelle Zustände zu kritisieren: Walther von der Vogelweide lässt den personifizierten Hof klagen und ihn über Missstände sprechen. Implizit wird damit der aktuelle Herrscher kritisiert, ohne dass Walther dafür jedoch direkt die Verantwortung übernehmen muss, da die Klage durch den vermenschlichten Hof erfolgt. Die Personifikation ist hier also Stilmittel mit politischer Intention.

F. Kayed

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