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Frau Bohne

Materielles Gut

Walther von der Vogelweide: Waz êren hât vro Bône (L 17,25)

Waz êren hât vro Bône,
daz man von ir singen sol,
si rehtiu vastenkiuwe!
si ist vor und nâch der nône
vûl und ist der wibel vol
wan êrst in der niuwe.
Ein halm ist creftec unde guot,
waz ers uns allen liebes tuot!
er fröit vil manigem sînen muot.
wie danne umbe sînen sâmen?
von grase wirdet halm ze strô,
er machet manic herze vrô,
er ist guot nider unde hô.
frowe Bône, set liberâ nos â mâlô, âmen.

Übersetzung

Was für Ehren hat Frau Bohne,
dass man sie besingen soll.
Sie ist nur rechte Fastenspeise!
Vor und nach dem Himmelfahrtstag
ist sie schon faul und voller Würmer,
wenn sie noch unreif ist.
Dagegen ist ein Halm voller Kraft und nützlich,
wie gut er uns allen tut!
Er erfreut vielen das Gemüt.

Wie steht es um seinen Samen?
Er wird von Gras zu Stroh
und macht manches Herz froh.
Er ist sowohl unten als auch oben nützlich.
Frau Bohne, sondern erlöse uns von dem Bösen, Amen.

(Keine) Ode an die Bohne?

Eine Nutzpflanze in der Kritik: Walther von der Vogelweide personifiziert die Fastenspeise Bohne, die für Enthaltsamkeit und Buße steht.

Er greift die personifizierte Frau Bohne an und hinterfragt, warum man sie loben solle. So argumentiert er, dass sie schnell verderbe und wurmig sei, weshalb sie nicht einmal als Fastenspeise diene. Im Gegensatz dazu sei der Halm zu bevorzugen, der überaus nützlich sei. Frau Bohne stellt keine Figur dar, die selbst handelt oder spricht. Lediglich die Ansprache als ‚Frau Bohne‘ suggeriert, dass es sich um eine Personifikation handelt. So ist es auch nicht verwunderlich, dass die personifizierte Bohne immer wieder zwischen menschlichen Zügen (Ansprache) und konkreter Haptik als Pflanze (faul, voller Würmer) schwankt.

Inhalt

Die Strophe steht im Verbund mit weiteren Spruchstrophen, die einen eher mahnenden Grundton haben und zu rechtmäßiger Freigiebigkeit (milte) der Gönner auffordern. Bohne und Halm werden verglichen: Nach Ansicht des Ichs ist die als Fastenspeise dienende Bohne tadelnswert, denn sie verdirbt früh, während der Halm kräftig und nützlich ist. Der rätselhafte Spruch schwankt zwischen einer ernsthaften Beschwerde über die Härten der Fastenzeit und einem parodistisch-ironischen Tonfall.

Und sonst?

Der Spruch endet mit dem lateinischen Vaterunser (libera nos ...). Eine der vielen Deutungen assoziiert die Bohne mit dem lateinischen Wort für Einkünfte: bona. Die Bohne wird dabei als eher unbeständig (häufig faul) und daher mit dem unbeständigen Lohn durch Gönner verbunden. Im Gegensatz dazu ist der gelobte Halm als Lohn oder vielmehr Lehen zu verstehen, mit dem man ein unabhängiges Leben führen kann.

S. Li

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