Personifikationen Exhibits

Der Tod

Vergänglichkeit und Schicksal

Johannes von Tepl: Der Ackermann
Kapitel 16, Zeile 22-33

Du fragest, was wir sein. Wir sein nichts vnd sein doch etwas. Deshalben nichts, wann wir weder leben weder wesen noch gestalt noch vnterstent haben, nicht geyst sein, nicht sichtigclich, nicht greyffenlich sein. Deshalben etwas, wann wir sein des lebens ende, des wesens ende, des nicht wesens anfang, eyn myttell zwüschen jn bayden. Wir seyn ein geschicht, die alle lewt fellt. Die grossen hewnen müssent vor vns vallen. Alle wesen, die leben haben, mussent verwandelt vor vns werden. Jn hohen schulden werden wir gezigen. Du fragest, wie wir sein. Vnbeschedenlich sein wir, doch vant du vns zu Rome jn einen tempel an einer want gemalett als ein man auff einem ochssen, dem die augen verpunden waren, syczend. Der selbe man fürent ein hawen jn seiner rechten hant vnde ein schauffel jn der linckten, domit vacht er auff dem ochssen. Gegen jm sluge, warff vnd streyt ein michel menig volckes, allerley lewt, jgliches mensch mit seynes hantwercks gezewge; do was auch die nunne mit deme psalter. Die slugen vnd wurffen den man auff dem ochssen. Jn vnnser betrubnüß bestrait der Tot vnde begrub sie alle.

Translation

Du fragst, was wir sind. Wir sind nichts und sind doch etwas. Deshalb nichts, weil wir weder Leben noch Wesen noch Form noch Materie haben, nicht Geist sind, nicht sichtbar, nicht fassbar sind. Deshalb etwas, weil wir des Lebens Ende sind, des Wesens Ende, des Nicht-Wesens Anfang, ein Mittelteil zwischen ihnen beiden. Wir sind etwas Zufallendes, das alle Leute fällt. Die großen Riesen müssen vor uns fallen. Alle Wesen, die Leben besitzen, müssen durch uns verwandelt werden. Großer Dinge werden wir bezichtigt. Du fragst, wie wir sind. Undeutbar sind wir, doch konntest Du uns in Rom finden, in einem Tempel auf eine Wand gemalt: als ein Mann, dem die Augen verbundenen waren, auf einem Ochsen sitzend. Dieser Mann führte eine Hacke in der rechten Hand und eine Schaufel in der linken, damit kämpfte er vom Ochsen herab. Gegen ihn schlug, warf und kämpfte eine große Menschenmasse, verschiedenste Leute, jedweder Mensch mit seinem Handwerkszeug; da war auch die Nonne mit dem Psalter. Die schlugen und bewarfen den Mann auf dem Ochsen. Gemäß unserem kläglichen Auftrag, bekämpfte sie der Tod und begrub sie alle.

Begegnung mit dem Tod

Die Figuration des Todes dient im Mittelalter dazu, die Rezipient:innen mit ihrer eigenen Sterblichkeit zu konfrontieren und ein unumgängliches, alltägliches Thema zu verhandeln.

Der Tod wird im Ackermann personifiziert, indem ihm Sprach- und Handlungsfähigkeit verliehen werden. Dennoch bleibt er dabei ein eigenartig gestalt- und körperloses Element, das außerhalb dieser Welt zu stehen scheint und sich damit auch einer Seinsbestimmung entzieht. So antwortet er dem Witwer auf seine Frage: „Du fragst, was wir sind. Wir sind nichts und sind doch etwas.“ Der Tod ist eine Art Vermittler zwischen den Welten, zwischen dem Diesseits und dem Jenseits, was sich in der Ausgestaltung der Personifikation widerspiegelt: So ist er zwar ebenbürtiger Diskussionspartner des Witwers, bleibt aber insgesamt eher schemenhaft und spricht sich lediglich durch seine Äußerungen selbst Bedeutung und Gestalt zu.

Inhalt

Im Ackermann erhebt ein Mann Anklage gegen den Tod, da ihm dieser seine junge Ehefrau und Mutter seiner Kinder geraubt hat. Es entwickelt sich ein dynamischer Dialog zwischen dem Ackermann und dem personifizierten Tod. Die Argumente des Mannes sind aufgrund seines persönlichen Verlusts sehr emotional, der Tod bleibt in seiner Verteidigung hingegen rational. Er verweist auf sein Wirken als gottgewollte Naturgewalt, die als ordnende Instanz in das Geschehen der Welt eingreift. Der Disput endet letztlich, indem Gott als richtende Instanz auftritt und beiden Positionen Recht zuspricht.

Und sonst?

Es ist neu, dass ein einzelner Mensch (wenngleich literarisch) so ausführlich gegen die Ordnung der Welt aufbegehrt. Auch der Tod unterstreicht immer wieder seine künstliche Gemachtheit (er sei etwas und sei doch nichts) und betont seine übermächtige Stellung in der Welt. Der intensive Dialog mit dem Tod hat die Menschen fasziniert, was sich an der breiten Rezeption des Textes zeigt.

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