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Minne und Hass

Liebe

Hartmann von Aue: Iwein
Vers 7015-7054

[E]z dunket die andern unde mich
lîhte unmügelich
daz iemer minne unde haz
ensamt sô besitzen ein vaz
daz minnehazze
belîbe in dem vazze.
zwâre ob minne unde haz
nie mê besâzen ein vaz,
doch wonte in disem vazze
minnehazze
sô daz minne noch haz
gerûmden gâhes daz vaz.
‚ich wæne, vriunt Hartman,
dû missedenkest daran.
warumbe sprichestû daz
daz beide minne unde haz
ensamt bûwen ein vaz?
wan bedenkestû dich baz?
ez ist minne unde hazze
zenge in einem vazze.
wan swâ der haz wirt inne
ernsthafter minne,
dâ rûmet der haz
vroun Minnen daz vaz:
swâ abe gehûset der haz,
dâ wirt diu minne laz.‘
nû wil ich iu bescheiden daz,
wie herzeminne unde bitter haz
ein vil engez vaz besaz.
ir herze was ein gnuoc engez vaz:
dâ wonte ensamt inne
haz unde minne.
si hât aber underslagen
ein want, als ich iu wil sagen,
daz haz der minne niene weiz.
si tæte im anders alsô heiz
daz nâch schanden der haz
müese rûmen daz vaz;
unde rûmet ez doch vroun Minnen,
wirt er ir bî im innen

Translation

Es erscheint den anderen und mir
gänzlich unmöglich,
dass Minne und Hass
jemals gemeinsam ein Gefäß besetzen,
sodass Minne bei Hass
in dem Gefäß bleibt.
Auch wenn Minne und Hass
nie zuvor ein Gefäß bewohnten,
so wohnte doch in diesem Gefäß
Minne bei Hass,
sodass weder Minne noch Hass
eilig das Gefäß räumten.
„Ich glaube, mein Freund Hartmann,
dass du über diese Sache falsch denkst.
Warum sagst du, dass
beide, Minne und Hass,
gemeinsam ein Gefäß bewohnen?
Warum denkst du nicht besser darüber nach?
Es ist der Minne und dem Hass
zu eng in einem Gefäß.
Denn wo auch immer der Hass
aufrichtige Minne bemerkt,
da räumt der Hass für Frau Minne
das Gefäß.
Wo aber der Hass haust,
wird die Minne träge.“
Nun will ich euch erklären,
wie Herzensminne und bitterer Hass
ein sehr enges Gefäß bewohnten.
Ihr Herz ist ein reichlich enges Gefäß,
da wohnten Hass und Minne
gemeinsam.
Sie hat aber eine Wand eingezogen,
wie ich euch sagen will,
sodass der Hass von der Minne nichts weiß.
Sie würde ihm andernfalls einheizen,
sodass der Hass aufgrund von Schande
das Gefäß verlassen müsste.
Und er räumt es für Frau Minne,
wenn er sie bei ihm bemerkt.

Transkription aus der Heidelberger Handschrift 316

Nu dunckt die andern und mich
vil leicht unmúgelich
das vmer mynne und hasz
beide besessen ein fasz
es wonet in disem fasze
mynne bey hasze
also das mynn vnd hasz
nicht gahens raumten das vasz
nu wil ich euch bescheiden
das by herzen mynne vnd bitterm hasz
ein genug enges fasz besasz
da wont entsampt inne
hasz vnd mynne
sie hat aber vnderslagen
ein want als ich euch wil sagen
das hasz der mynne nicht enweisz
sie getett im anders also heisz
das nach schaden der hasz
fraw mynnen rawmte das fasz
und raumten es fraw mynnen
wesste er sie bey ime inn

Universitätsbibliothek Heidelberg
Cod. Pal. germ. 316, fol. 100v

Ein prekäres Zusammenleben!

Minne und Hass teilen sich eine Unterkunft, nämlich das Herz, obwohl sie einander nicht ausstehen können: So verlässt der Hass eigentlich alle Orte, an denen sich die Minne aufhält, und die Minne wird träge, wenn sie den Hass in ihrer Nähe bemerkt. Die Gegensätzlichkeit beider Abstrakta wird deutlich, indem geschildert wird, dass eine Wand im Herzen die unfreiwillige Wohngemeinschaft trenne. Somit gibt es zwei abgeschlossene Räume im Herzen, wovon einen die Minne, den anderen der Hass bewohnt. Der Text gibt sich große Mühe, ein konkretes Bild der beiden abstrakten Emotionen als Wohngemeinschaft zu erzeugen – nicht zuletzt durch eine auffällige Vielzahl an Zischlauten.

Inhalt

Aufgrund eines Fristversäumnisses gegenüber seiner Frau Laudine muss der dadurch entehrte Ritter Iwein auf âventiure sein verlorenes Ansehen wiederherstellen. In einer dieser âventiure-Episoden findet sich der vorliegende Minne-Hass-Exkurs: Zur Klärung eines Erbstreits zweier Schwestern sollen Iwein und Musterritter Gawein für je eine Schwester unwissend im Gerichtskampf gegeneinander antreten.

Und sonst?

Mit Minne und Hass wird ein zentrales Thema des Romans aufgegriffen. Doch geht es bei Iwein und Gawein gar nicht darum, ob sie sich hassen oder lieben, sondern nur darum, dass die beiden Freunde sich im Kampf nicht erkennen und daher für Feinde halten. Minne und Hass als gegensätzliche und doch kombinierte Emotionen betreffen eher ein anderes Paar: Iwein und seine Frau Laudine. So wird mit den beiden Personifikationen an einem Nebenschauplatz das Problem der Hauptfiguren verhandelt.

L. Weinberger

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